So, willkommen zurück aus dem bayrischen Elite-Kuhdorf. Warum ich es so nenne…ganz einfach, hier in München, der glänzendsten aller städtischen Vorhöllen, kennt einfach jeder jeden und alle sprechen trotz breitgefächerter Dialektik irgendwie die gleiche Sprache.
Im Gegensatz zu Berlin, Paris oder London, wo nicht nur die Menschen recht bunt gesät sind, sondern auch die Flächen und Szenen etwas weiter gestreut zu sein scheinen, scheint hier irgendwie alles noch zentraler als die Sonne im Zenith. Ein Mikrokosmos im Makrokosmos sozusagen, der sich manchmal wie ein wachstumshemmendes Präparat um die Eingeweide der Protagonisten wickelt. Hier ist alles gleich schön, konstant grün, so chronisch friedlich und sogar auf die Geschmacksfreiheit des Nachtlebens kann man sich jederzeit verlassen.
Wenn ich ausgehe, kann ich wirklich jede relevante Lokalität Münchens mit dem Fahrrad anvisieren ohne überhaupt einen Gedanken an Seitenstechen verschwenden zu müssen. Sogar die wenigen Undergroundläden des Millionen-Kaffs liegen hier so zentral auf dem Servierteller, dass es mich nur 20 Gehminuten zwischen piekfeinen Häuserschluchten kostet, um alle auf einmal abzuklappern. Im Gegensatz zu Berlin oder Hamburg, wo die schrägsten Partys und Clubs in irgendwelchen abgelegenen U-Bahnhöfen oder besetzten Häuserruinen vorzufinden sind, hat man hier ständig das Gefühl in einem handgeschliffenen Swarovski-Kristall zu sitzen.
Mit dieser Brillianz in Adern und aufgepimpt wie ein französischer Bademeister mache ich mich mit weisser Weste auf den Weg zu einer Privatparty über den Dächern der blinkenden Stadt. Ein Münchner Szene-Guru hat in sein Dachterrassen-Loft geladen und das Thema ist “White”. Der Anglizismus ist hier natürlich Programm. Als ich nach einer dreiviertelstunde Aufzugfahrt endlich oben im 17.Stock ankomme, erwartet mich ein atemberaubender Ausblick über die Dächer der Herzerlstadt und eine anästhetische Mischung aus Lokalprominenz, Industriellen, Anwälten, Managern, Fashion-Yuppies und äußerst leckeren Models.
Als ich der erstbesten Mannequin zwecks Stimmungsauflockerung in den Hintern zwicken will, zerrt mich der Hausherr auf die Seite, deutet auf das opulente Catering-Werk an der ca. 15 Meter langen Gaben-Tafel und erklärt mir, dass es sich bei den hoch aufgeschossenen Damen nicht um das von mir erwartete lebende Buffet handelt. Nun gut, denke ich mir und mache mich an wesentlich kleineren Portionen zu schaffen…im Fachjargon auch Sushi genannt. Danach gehts auf die grosszügige, an Fußballfeld breite Dachterrasse zum Feuerwerk-Glotzen, schließlich wird im Olympia-Park zur gleichen Zeit 850 Jahre München gefeiert. Ergriffen von den himmlischen Explosionen setze ich mein Engelsgesicht auf und ergötze mich an dem teuflisch guten Wein, der schon nach eineinhalb Flaschen seine diabolische Wirkung hinterlässt. Mit amboss-schweren Lidern höre ich mir noch eine nette Welcome-Rede des Gastgebers an, bevor es dann mit dem Haupt-Act, der gross angekündigten Modenschau weitergeht. Grazile Augenschmäuse präsentieren fliessende Stoffe, gedeckte Farben und subtile Eleganz, was dann auch dazu führt, dass sich schlagartig das gesamte weibliche Publikum einen Stock tiefer verabschiedet, wo die kredenzte Damenkollektion brav auf einer Stange sortiert, auf ihre spontanen Abnehmerinnen wartet. Als dann nur noch Männer um mich heruwuseln und überdies auch noch keine einzige Afri im Kühlschrank vorzufinden ist, mach ich nen Polnischen(ich haue still und leise ab) und steuere die nächste Party - das 8 Seasons Sommerfest - an.
Direkt an der teuersten Einkaufsmeile, der Maximilianstrasse gelegen, keimen beim Anblick der Menschenmassen und Absperrgitter Erinnerungen an ein FC Bayern-Heimspiel in mir auf…mit dem einzigen Unterschied, dass es da trotz Trikotwahn optisch um einiges fescher zugeht. Die erste visuelle Hürde nehme ich schon am Eingang, als mir acht mit Kameras bewaffnete 1,30m grosse Mexikaner entgegenkommen, die mich zu aller Übel zu ihrem neuen Gruppenfoto-Fotografen küren. Zu aller Übel deshalb, weil ich ihnen bei der Zwangsablichtung einfach die Köpfe abgeschneide und Montezumas Rache-like absichtlich nur ihre Ponchos und die Dackel-Beine auf Zelluloid banne.
Im Innenhof des 8 Seasons, der übrigens mit tonnenweise Sand bedeckt ist und Strandflair simulieren soll, tummeln sich dann so viele unschöne Gesamtkonzepte, dass auch Dr. Mabuse nicht weit sein kann. Aus Angst mir, ihm, oder einer anderen Kreatur auf die Füsse zu steigen, streiche ich nicht nur die Segel…sondern renne. Ich renne eine Ecke weiter, direkt in die nächste Festivalität, wo das Fashionlabel Pool zum jählichen Sommerfest ins Edelrestaurant “Brenners” geladen hat. Unmittelbar am Hotel Vier Jahreszeiten angrenzend, präsentiert sich schon der Eingang regelgerecht. Roter Teppich, blitzende Kameras, Lamborghinis, Ferraris und sogar Pferdekutschen vor der Tür. An der Gästeliste steht wie bestellt eine gute Freundin von mir, die mich nicht nur mit einer Lippenstiftattacke, sondern auch mit VIP-Bändchen eindeckt. Wow, alle Getränke umsonst und dazu werden auch noch so neuartige in flüssigem Stickstoff gekochte Fingerfood-Varianten gereicht. Mein Mund qualmt, meine Socken auch, deshalb desinfiziere ich mich mit zwei doppelten Wodkas erstmal präventiv von innen. Danach gehts mit Schlagseite durch den gesamten Smalltalk-Marathon, bei dem ich dann so viele Hände schüttle, dass sich um ca. 2 Uhr morgens ein Tennisarm meldet. Im Gegensatz zu der optisch befreiten Fussgängerzonen-Fete davor, herrscht hier Chic und Noblesse. Coole Frauen, warmes Licht, noch wärmere Jungs, zahlreiche Models und eine Label-Lasagne vom Feinsten runden das Fashionkonglomerat fast so gut ab wie mein unbeholfener Stolperer mitten in die Rundungen einer drallen Blondine. Gerade noch rechtzeitig ziehe ich meinen Kopf aus ihren Doppeldeutigkeiten, bevor mich ihre herumwirbelnde Prada-Handtasche fast am Nasenbein erwischt. Mit diesem Glück im Reisegepäck setze ich meinen Pilgerweg fort und begebe mich schnurstracks zum DJ-Pult, wo Lokalmatador Tom Novy zum grossen Hallali bläst. Ekstatisch zuckende Leiber säumen die mittlerweile unter Starkstrom stehende Tanzfläche und ich erspähe einige Promis die dies als Entschuldigung ansehen auch ihrer eigenen Mimik freien Lauf zu lassen. Zum Abschluss gönne ich mir noch eine Afri als Upper und nach dem Motto >wenns am besten ist, dann soll man gehn< verlasse ich den Modezirkus und wähle meine letzte Station, “das Prinzip”, welches aus naheliegenden Gründen in derselben Strasse beheimatet ist. Der elektronisch bespielte Absturzladen ist jetzt genau das Richtige um mir gewahr zu werden, dass ich nicht der einzig Leidende dieser glorreichen Nacht bin. Irgendjemandem muss es doch noch schlechter gehn wie mir…und siehe da…mein Wunsch wird erfüllt. Gesichtsbaracken, verschwitzte Leiber, schlafende Torsos, und drei gegen schielende Kontrahenden gewonnene Tischkickerspiele reichen aus meinen nächtlichen Seelenfrieden zu finden. Ich steige ins Taxi…und hätte ich nicht vorher noch die eisgekühlte Afri ge-ext…ich würde vermutlich immer noch drin sitzen. Guten Nacht München!

