Donnerstag, 4. September 2008

Diesmal will ich gerne was Informatives über die Berliner Szene im japanischen Style erzählen. Es geht um Caroshi, um Visual Kei und es gibt wieder mal ein Haiku.

Um es vorab zu verraten: Mein Plan ist nicht ganz aufgegangen. Eine Informantin hat mich versetzt. Hatte mich nämlich zu Recherchezwecken in der Caroshi-Bar am Potsdamer Platz verabredet. Schicker Laden! Sehr spacig, also galaxisbezogen, meine ich. Aber wie gesagt: Leider, leider wurde nix aus dem Meeting mit der Informantin.

So saß ich alleine an der Bar und trank meine afri. Und trotzdem machte mich das schlauer! Denn weit und breit sind in, im oder bei Caroshi keine Visual Keis zu sehen. Ich weiß jetzt, dass es die da nicht gibt. Ist doch auch was wert.

Weiterlesen!

Jetzt versuch ich mich an einer Erklärung, was Visual Kei ist, um dann die Übersetzung von Caroshi zu liefern. Krönender Abschluss ist ein Haiku.

Visual Kei ist eine bemerkenswert eingeschworene Gemeinschaft von jungen Leuten, die sich dem (mittlerweile auch schon im zehnten Jahr seines Bestehens angekommenen) Live- und Modestyle aus Japan verschrieben haben. Visual Kei ist eine sehr dreiste Mischung: Man trägt Frisuren, die direktemang aus Manga-Comics entflohen sind, also quietschbunte Strähnchen, Pippi-Zöpfe mit pink Schleifen drin… Klamottenmäßig wählt man alles, was nach Gothic, Friedhof und Omis Dachbodentruhe aussieht. Gerne auch Federboa oder ähnliches. Besonders beliebt sind Schuluniformen. Jeder Visual Kei stellt da so seinen mehr oder weniger eigenen Style zusammen.

Na ja. Und je nachdem, wie tief sich die Jungen und Mädels ins Visual Kei reinhängen, kann das am Ende total gut aussehen. Jedenfalls hat man eine Menge zu gucken. Und ich dachte, dass in, im oder bei Caroshi nette Visual Keis zu finden wären, nur mal so zum angucken… Fehlanzeige. Caroshi heißt soviel wie „Arbeit ohne Arbeit nach der Arbeit – lass doch mal locker!“ Kurz gesagt: japanisches Afterwork. Hier herrscht eine andere Szene: Hierher kommen höchstens Mitte-Hippsters, Antislackers, zu spät gekommene Emos. Im Caroshi ist viel drin.

Und jetzt das Haiku:

Spätsommernacht hat
ohne afri keinen Sinn.
Sie ist schwarz und schön.

(Walter Vult) – Caroshi Cocktail Bar & Lounge – Linkstr. 4 – 10785 Berlin (Mitte/Potsdamer Platz) – www.caroshi.info

Montag, 25. August 2008

Gemütlich, und noch immer Szene. Das ist das Kollberg. Nicht klein, aber überschaubar. International, berlinisch durch und durch. Und afri gibt’s auch. Hört einfach in den audiofile unten rein.

Die Bar hat die wohl beste Adresse: Kollwitzer Berg am Prenzlauer Platz… ääh, anders rum… Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg… ganz schön kompliziert. Da ist Kollberg wirklich viel einfacher.

So wie Münlin eine Mischung aus München und Berlin ist, ist Kollberg ein Mix aus Kollwitzplatz und Prenzlauer Berg.

Fahre mit der U2 bis Bahnhof Eberswalder Straße und gehe die Schönhauser Allee zu Fuß Richtung Alex, bis du dann hinter der Kulturbrauerei und ein paar schnöden Wohnhäusern links in die Wörther Straße abbiegst. Dann sind es nur noch wenige 100 Meter bis zum Kollberg.

 

Get the Flash Player to see the wordTube Media Player.

(Walter Vult) – Kollberg Café & Bar – Wörther Str. 35 – 10435 Berlin (Prenzlauer Berg)

Dienstag, 19. August 2008

Dass die heißesten Tage für diesen Sommer passé sind, darüber habe ich ja letztens schon jede Menge Worte verloren. Ich hatte allerdings weniger Text darauf verwendet, deutlich zu machen, dass ich den Wetter-Umstand der zunehmenden Kälte total bedaure und dass ich im Grunde genommen ein Freund der Wärme und Hitze bin. Ja, so ist mein Naturell und mein Gemüt: Ich bin ein Mitglied jener Menge Menschen, die sich – sollte sie sich einen Namen geben müssen – nach einem berühmten Kinofilmtitel nennen würde – nämlich: Manche mögen’s heiß.

Ich bin unterwegs am Potsdamer Platz. Später Nachmittag, die Sonne macht noch immer unsanfte Auguststiche. Habe keine Ahnung, wie warm es tatsächlich ist, aber gut gefühlte deutliche Schwitzehitze ist es schon. Ich gehe zur Cocktailbar Billy Wilder’s, setze mich draußen hin. Schön hier. Touris strömen vorbei. Niemand hat Eile. Alles ist gut.

Am Nachbartisch ereignet sich was Seltsames. Eine flott gebliebene Mitte-End-Fünfzigerin sitzt dort seit einer guten Viertelstunde allein. Die vier Stühle an ihrem Tisch sind leer. Dreimal haben nun schon Leute höflich gefragt, ob die Plätze noch frei seien…? Worauf sie mit einem schnöden „Nö! Besetzt!“ antwortet. Entweder wartet sie noch auf vier Leute Begleitung (Mutti mit drei Kindern plus Mann?) oder sie will partout allein sein. Jedenfalls will sie keinen ihrer Stühle hergeben. Sie ist die Frau ohne Gewissen. Denn nach einer weiteren Viertelstunde, nachdem noch immer keine Begleitung erschienen ist, bezahlt sie und geht. Vorne an der Ecke unterhält sie sich dann mit einem schwarzhaarigen, schicken deutlich jüngeren Boy, Typ Südländer. Diese Mitte-End-Fünfzigerin hat wohl irgendwelche Foreign Affairs? Ich bin sehr, sehr, sehr neugierig veranlagt. Ich denke mir, dass mit dieser Dame was nicht stimmt und überlege einen Moment, ob ich ihr hinterher spionieren soll. Ich verwerfe aber den törichten Gedanken. Schließlich sind wir hier im afri-Blog und nicht bei Emil und die Detektive. Ich bleibe also sitzen.

Gerne würde ich hier mal bis in die Abendstunden einfach nur so sitzen bleiben. So lange, bis es dunkel wird und die olle Potsdamer Straße zum Boulevard der Dämmerung wird. Aber, ach. So viel Zeit gönn ich mir ja nie. Deshalb gehe ich Eins, Zwei Drei flugs in Das Apartment und bin dann wieder zuhause.

So, und für den Filmtitel Zeugin der Anklage habe ich überhaupt keine Idee, wie er sich ohne größeres gedankliche Gebrechen in diesen Text einbetten lässt. Eine nicht ganz waschechte Variante (mit ungelöster K-Frage!!) lautet vielleicht so: „Zuhause ging ich an den Rechner. Der Soundso hatte gemailt. Ich öffnete das Attachement. Das lag ziemlich viel Zeug in der Anlage…“ Wie gesagt bei Anlage fehlt nur noch das K. Boooaaahh!

Ihr dürft übrigens – wie die Punktrichter derzeit beim Olympia – die nicht ganz waschechte Variante bewerten: Zu vergeben sind zwischen 1 und 10 Punkte.

(Walter Vult) – Billy Wilder’s Cocktailbar – Potsdamer Str. 2 – 10785 Berlin (Mitte) – www.billy-wilders.de

Freitag, 15. August 2008

So, willkommen zurück aus dem bayrischen Elite-Kuhdorf. Warum ich es so nenne…ganz einfach, hier in München, der glänzendsten aller städtischen Vorhöllen, kennt einfach jeder jeden und alle sprechen trotz breitgefächerter Dialektik irgendwie die gleiche Sprache.

Im Gegensatz zu Berlin, Paris oder London, wo nicht nur die Menschen recht bunt gesät sind, sondern auch die Flächen und Szenen etwas weiter gestreut zu sein scheinen, scheint hier irgendwie alles noch zentraler als die Sonne im Zenith. Ein Mikrokosmos im Makrokosmos sozusagen, der sich manchmal wie ein wachstumshemmendes Präparat um die Eingeweide der Protagonisten wickelt. Hier ist alles gleich schön, konstant grün, so chronisch friedlich und sogar auf die Geschmacksfreiheit des Nachtlebens kann man sich jederzeit verlassen.

Wenn ich ausgehe, kann ich wirklich jede relevante Lokalität Münchens mit dem Fahrrad anvisieren ohne überhaupt einen Gedanken an Seitenstechen verschwenden zu müssen. Sogar die wenigen Undergroundläden des Millionen-Kaffs liegen hier so zentral auf dem Servierteller, dass es mich nur 20 Gehminuten zwischen piekfeinen Häuserschluchten kostet, um alle auf einmal abzuklappern. Im Gegensatz zu Berlin oder Hamburg, wo die schrägsten Partys und Clubs in irgendwelchen abgelegenen U-Bahnhöfen oder besetzten Häuserruinen vorzufinden sind, hat man hier ständig das Gefühl in einem handgeschliffenen Swarovski-Kristall zu sitzen.

Mit dieser Brillianz in Adern und aufgepimpt wie ein französischer Bademeister mache ich mich mit weisser Weste auf den Weg zu einer Privatparty über den Dächern der blinkenden Stadt. Ein Münchner Szene-Guru hat in sein Dachterrassen-Loft geladen und das Thema ist “White”. Der Anglizismus ist hier natürlich Programm. Als ich nach einer dreiviertelstunde Aufzugfahrt endlich oben im 17.Stock ankomme, erwartet mich ein atemberaubender Ausblick über die Dächer der Herzerlstadt und eine anästhetische Mischung aus Lokalprominenz, Industriellen, Anwälten, Managern, Fashion-Yuppies und äußerst leckeren Models.

Als ich der erstbesten Mannequin zwecks Stimmungsauflockerung in den Hintern zwicken will, zerrt mich der Hausherr auf die Seite, deutet auf das opulente Catering-Werk an der ca. 15 Meter langen Gaben-Tafel und erklärt mir, dass es sich bei den hoch aufgeschossenen Damen nicht um das von mir erwartete lebende Buffet handelt. Nun gut, denke ich mir und mache mich an wesentlich kleineren Portionen zu schaffen…im Fachjargon auch Sushi genannt. Danach gehts auf die grosszügige, an Fußballfeld breite Dachterrasse zum Feuerwerk-Glotzen, schließlich wird im Olympia-Park zur gleichen Zeit 850 Jahre München gefeiert. Ergriffen von den himmlischen Explosionen setze ich mein Engelsgesicht auf und ergötze mich an dem teuflisch guten Wein, der schon nach eineinhalb Flaschen seine diabolische Wirkung hinterlässt. Mit amboss-schweren Lidern höre ich mir noch eine nette Welcome-Rede des Gastgebers an, bevor es dann mit dem Haupt-Act, der gross angekündigten Modenschau weitergeht. Grazile Augenschmäuse präsentieren fliessende Stoffe, gedeckte Farben und subtile Eleganz, was dann auch dazu führt, dass sich schlagartig das gesamte weibliche Publikum einen Stock tiefer verabschiedet, wo die kredenzte Damenkollektion brav auf einer Stange sortiert, auf ihre spontanen Abnehmerinnen wartet. Als dann nur noch Männer um mich heruwuseln und überdies auch noch keine einzige Afri im Kühlschrank vorzufinden ist, mach ich nen Polnischen(ich haue still und leise ab) und steuere die nächste Party - das 8 Seasons Sommerfest - an.

Direkt an der teuersten Einkaufsmeile, der Maximilianstrasse gelegen, keimen beim Anblick der Menschenmassen und Absperrgitter Erinnerungen an ein FC Bayern-Heimspiel in mir auf…mit dem einzigen Unterschied, dass es da trotz Trikotwahn optisch um einiges fescher zugeht. Die erste visuelle Hürde nehme ich schon am Eingang, als mir acht mit Kameras bewaffnete 1,30m grosse Mexikaner entgegenkommen, die mich zu aller Übel zu ihrem neuen Gruppenfoto-Fotografen küren. Zu aller Übel deshalb, weil ich ihnen bei der Zwangsablichtung einfach die Köpfe abgeschneide und Montezumas Rache-like absichtlich nur ihre Ponchos und die Dackel-Beine auf Zelluloid banne.

Im Innenhof des 8 Seasons, der übrigens mit tonnenweise Sand bedeckt ist und Strandflair simulieren soll, tummeln sich dann so viele unschöne Gesamtkonzepte, dass auch Dr. Mabuse nicht weit sein kann. Aus Angst mir, ihm, oder einer anderen Kreatur auf die Füsse zu steigen, streiche ich nicht nur die Segel…sondern renne. Ich renne eine Ecke weiter, direkt in die nächste Festivalität, wo das Fashionlabel Pool zum jählichen Sommerfest ins Edelrestaurant “Brenners” geladen hat. Unmittelbar am Hotel Vier Jahreszeiten angrenzend, präsentiert sich schon der Eingang regelgerecht. Roter Teppich, blitzende Kameras, Lamborghinis, Ferraris und sogar Pferdekutschen vor der Tür. An der Gästeliste steht wie bestellt eine gute Freundin von mir, die mich nicht nur mit einer Lippenstiftattacke, sondern auch mit VIP-Bändchen eindeckt. Wow, alle Getränke umsonst und dazu werden auch noch so neuartige in flüssigem Stickstoff gekochte Fingerfood-Varianten gereicht. Mein Mund qualmt, meine Socken auch, deshalb desinfiziere ich mich mit zwei doppelten Wodkas erstmal präventiv von innen. Danach gehts mit Schlagseite durch den gesamten Smalltalk-Marathon, bei dem ich dann so viele Hände schüttle, dass sich um ca. 2 Uhr morgens ein Tennisarm meldet. Im Gegensatz zu der optisch befreiten Fussgängerzonen-Fete davor, herrscht hier Chic und Noblesse. Coole Frauen, warmes Licht, noch wärmere Jungs, zahlreiche Models und eine Label-Lasagne vom Feinsten runden das Fashionkonglomerat fast so gut ab wie mein unbeholfener Stolperer mitten in die Rundungen einer drallen Blondine. Gerade noch rechtzeitig ziehe ich meinen Kopf aus ihren Doppeldeutigkeiten, bevor mich ihre herumwirbelnde Prada-Handtasche fast am Nasenbein erwischt. Mit diesem Glück im Reisegepäck setze ich meinen Pilgerweg fort und begebe mich schnurstracks zum DJ-Pult, wo Lokalmatador Tom Novy zum grossen Hallali bläst. Ekstatisch zuckende Leiber säumen die mittlerweile unter Starkstrom stehende Tanzfläche und ich erspähe einige Promis die dies als Entschuldigung ansehen auch ihrer eigenen Mimik freien Lauf zu lassen. Zum Abschluss gönne ich mir noch eine Afri als Upper und nach dem Motto >wenns am besten ist, dann soll man gehn< verlasse ich den Modezirkus und wähle meine letzte Station, “das Prinzip”, welches aus naheliegenden Gründen in derselben Strasse beheimatet ist. Der elektronisch bespielte Absturzladen ist jetzt genau das Richtige um mir gewahr zu werden, dass ich nicht der einzig Leidende dieser glorreichen Nacht bin. Irgendjemandem muss es doch noch schlechter gehn wie mir…und siehe da…mein Wunsch wird erfüllt. Gesichtsbaracken, verschwitzte Leiber, schlafende Torsos, und drei gegen schielende Kontrahenden gewonnene Tischkickerspiele reichen aus meinen nächtlichen Seelenfrieden zu finden. Ich steige ins Taxi…und hätte ich nicht vorher noch die eisgekühlte Afri ge-ext…ich würde vermutlich immer noch drin sitzen. Guten Nacht München!

Montag, 11. August 2008

Glaubt man den Wettervorhersagen, dann sind die richtig heißen Tage für dieses Jahr vorbei und damit wäre auch der Sommer hinüber und verflossen… So schnell kann’s gehen.

Gut, es gibt immer noch ausreichend warme Hitzereien in der Stadt, so dass man sich locker in T-Shirt ohne Jacke herumbewegen kann. Oder Flipflops, die zwar total out sind, aber alle tragen sie trotzdem noch. Vielleicht weil der große In-Out-Präsident von Betageuze gestern Flipflops wieder für in erklärt hat. Wer weiß? Dennoch: Der ewige Oberschlaumeier-Wetterbericht kündigt dauernd ein kühles Lüftchen an. Wehe, es dauert nicht mehr lang: Dann kommt der Herbst und Weihnachten steht vor der Tür: „Advent, Advent“, kann ich da nur sagen.

Gestern Abend war ich im Indie Club Zur Glühlampe. Da ist mir ein Licht aufgegangen über einen durchaus bemerkenswerten Zusammenhang zwischen erstens warmem Wetter, zweitens guter Musik, drittens Flipflop tragenden Mädels und Jungs und viertens leeren Tanzflächen. Ich nenne diesen Zusammenhang die Walter-Vult’sche Anti-Flipflop-Erwartungs-Logik. Sie geht folgendermaßen:

Wenn das Wetter warm ist, ziehen viele Mädels und Jungs Flipflops an, in denen es sich zwar sommerlich bequem latschen aber saisonal unabhängig leidlich unbequem tanzen lässt. Die besten Britpop- oder House-Titel lassen Flipflopträger höchstens mit dem großen Zeh zwackeln – ergo: Es wird nicht (oder zumindest spürbar weniger) getanzt. Deshalb warten alle, die eigentlich gerne tanzen wollen, auf kühlere Zeiten. „Advent, Advent“, kann ich da nur sagen. Zu meiner Logik gehört übrigens auch, dass Flipflops als Weihnachtsgeschenk nur floppen können…

„Ja, wie?“, werdet Ihr Euch und mich jetzt fragen: „Tragen die in der Glühlampe alle Flipflops und tanzen nicht?“

Das wär’ übertrieben. Kann man so nicht sagen. Schaut selbst vorbei, dann könnt Ihr’s überprüfen. Ein Besuch lohnt sich. Denn egal, was der große In-Out-Präsident von Betageuze zu melden hat: die Glühlampe ist auf jeden Fall klasse und in. Die afri gibt’s hier für bestechende eins achtzig. Und die DJs verstehen was von guter Musik. Und legen auf bei Wind und Wetter.

(Walter Vult) – Zur Glühlampe – Lehmbruckstr. 1/Rudolfstraße – 10245 Berlin (F’hain) – www.zurgluehlampe.de

Mittwoch, 6. August 2008

Ich ging in Mitte so vor mich hin, um nichts zu suchen, das war mein Sinn…

Ist natürlich platt und abgeschmackt, ein Goethe-Gedicht in die Runde zu zitieren. Aber, so war’s wirklich! Ohne irgendeine Absicht direkt oder indirekt zu verfolgen, streunte ich letzten Freitagnachmittag durch die Auguststraße in Berlin-Mitte. Ich kann ja nicht verhehlen, dass ich ein Faible fürs Kulturelle habe. Und weil hier in der Auguststraße so viele Galerien ihre Adressen haben, bin ich also rumgestreunt. Einfach nur so. Gesucht habe ich nichts, weshalb mir die Assoziation zum Goethe-Gedicht in den Sinn kam…

…da machten meine Beine auch Schritte auf den Hinterhof der Auguststraße neunundsechzig, wo die Kunstwerke-Berlin e.V. ihr Domizil haben. Domizil ist ein Fremdwort, das sich auch durch den deutschen Terminus Heimstatt ersetzen lässt, so dass ich mühelos meinen Berlin-Mitte-Spaziergang sprachlich mit einem Satz wiedergeben könnte, der da lautet: Ich geriet an jenem Freitagnachmittag auf den Hof, an den sich der Gebäudetrakt anschließt, in welchem die Kunstwerke-Berlin ihre HEIMSTATT haben. Die Kunstwerke sind eine vom Land Berlin finanziell unterstütze Interessensvertretung für zeitgenössische Kunst und die machen immer sehr interessante Ausstellungen…

…aber darum jeht’s jetz hier ooch jar nich…

Auf dem Hof hat auch das Café Bravo seine HEIMSTATT. Das war dort ja so was von ruhig, gelassen und schön. Ich setzte mich in einen schwarzen Liegestuhl, ließ die Sommersonne auf mich wirken und bestellte eine afri…………..…so und jetzt kommst DU!!!

Im Bravo Café wird keine afri ausgeschenkt. Schade! Schande! Da saß ich nun im Liegestuhl. Keine afri-Cola im Café Bravo, das fand ich gar nicht bravo. Okay, ist natürlich platt und abgeschmackt, auf dem Namen „Bravo“ herumzureiten. Aber: So ein schönes Café ohne afri… einfach unfassbar.

Bei dem Goethe-Gedicht findet der Dichter ja ein Blümchen, das er erst brechen will. Doch dann, nachdem er sich besinnt, buddelt er die Blume aus und pflanzt sie zu Hause in seinem Garten ein, wo sie noch lange weiter wächst und gedeiht. Also überlege ich, ob ich nicht kurzerhand das ganze Café Bravo ausbuddle und zu meiner HEIMSTATT verpflanze, wo’s immerhin im Kühlschrank afri gibt.

Cafés auszubuddeln – das könnte in der zeitgenössischen Kunstszene doch eine tiefsinnige Performance hergeben. Das Publikum wird durch ein ausgebuddeltes Café plotzdiplotz aus seinem trübsinnigen Alltagstrott herausgerissen, denn plötzlich stellen alle fest: „Hier fehlt was!“ Aber bitte: So weit müsst Ihr’s nicht kommen lassen. Alles, was im Café Bravo fehlt, ist afri.

(Walter Vult) – Café Bravo – Auguststr. 69– 10117 Berlin-Mitte

Montag, 28. Juli 2008

Abtanzen und abschwitzen und abkühlen mit afri und abschwoofen sowieso… und dann geht’s wieder von vorne los: abtanzen und abschwitzen und so weiter … ja, so geht das Samstag Nacht im Pogotussy. Hab mich mal ins Clubleben gestürzt, nachdem ich mich mit Clubbesitzerin Simone schon am Abend zum gemütlichen Plausch getroffen hatte

Wer sich jetzt wundert: „Quod, quid, Quittensaft…? Was ist denn der-die-das Pogotussy?“ Dem sei auf die Sprünge geholfen. Das heutige Pogotussy ist das Octopussy von früher! Ein Club in F’hain, wo es sich ordentlich abtanzen lässt, wo man seine Jugend verschwenden kann. Obwohl – so ganz junge Spuntis will Simone gar nicht im Club haben.

Mit der Namenswandlung hat es Folgendes auf sich: Tagein, tagaus hieß das Octopussy Octopussy, weil Simone das einfach passend fand. „Wir sind maritim eingerichtet“, sagt sie, „der Bereich hinter der Tanzfläche soll das Innere eines sehr großen Haifischs sein.“ Tatsächlich (siehe Foto)!! Wer hier abtanzt, wankt in den Wogen der Ozeane. Ich übertreibe. Aber ehrlich. Die 100 qm des Clubs kommen meeresmäßig echt überzeugend rüber.

Eines Tages riefen Simone gewisse Anwälte an. Ein Laden in Barcelona heiße auch Octopussy und habe eben diesen Namen beim Europäischen Markenamt angemeldet. Und deshalb frage jener Laden an, ob denn Simone nicht, bitte schön, den ein oder anderen schlappen Euro locker machen könnte?? Vorausgesetzt sie wolle weiterhin ihren Club Octopussy nennen…?

Simone ist eine patente Frau. Die fackelt nicht lange rum. So ein Motto wie „Entscheide Dich!“… das wird bei Simone gefühlt und gelebt. Sie hat sich entschieden und steht dazu: „Auf so’n juristischen Scheiß hab ich kein’ Bock…“, sagt sie und das sitzt.

Also hat sie ihren Club in Pogotussy umbenannt. Die Musik ist noch die gleiche, die Location mit dem Haifisch sowieso… und die DJs rücken immer noch freitags und samstags ab 22 Uhr an. Dann nämlich wird aufgelegt. Von Metal, Britpop, Independent bis Grunge läuft hier so ziemlich alles. Also, was soll’s? Nur die Website muss Simone bei Gelegenheit noch umbenennen. „Mach ich demnächst.“ Ansonsten ist Octopussy jetzt Pogotussy.

Na ja, der neue Name führt mitunter zu Missverständnissen. Mit Pogo ist nur gemeint, dass hier getanzt wird. Hier läuft kein Punk! Mit Tussy ist nur gemeint, dass halt auch Mädels gern willkommen sind. Jungs aber sowieso auch. „Wir sind kein Homoschuppen“, sagt Simone. „Jeder ist hier gern gesehen, solange er keinen Stress macht.“

Das ist ein Club-Insider-Hinweis, der so viel bedeutet wie: Es gibt keine Gesichtskontrollen am Eingang. Klare Ansage. Also, geh ins Pogotussy: Abtanzen und abschwitzen und abkühlen mit afri und abschwoofen sowieso…

(Walter Vult) – pogotussy – Gürtelstraße 36 – 10247 Berlin-Friedrichshain – www.octopussy-club.de

Dienstag, 22. Juli 2008

München, Weltstadt mit Herz und Epizentrum der Bussi-Bussi-Gesellschaft. Passend zur Jahreszeit präsentiert sich das Wetter sommertypisch und konfrontiert das im Aufblühen befindliche Städtchen wechselweise mit Regeneskapaden, Heiterkeit und der Hoffnung auf chronischen Sonnenschein. Während die Cafès, Bars und Clubs trotz unentschiedenem Himmel mit ihren bunt bemenschten Terrassen und Aussenschankflächen die neue Sommersaison einläuten, läutet bei mir nur der Weckton meines Handys und mahnt mir den nahenden Mittag. Kurz aufeinanderfolgend prasseln dann gleich drei gesimste Partyeinladungen fürs anstehende Wochenende auf’s Display. Bevor ich mich verlese, weil noch klumpige Elefanten in den Augen beherbergend, begebe ich mich nach kurzer Katzenwäsche erstmal zur Reanimation an den hippen Gärtnerplatz, nehme im Cafè “Zappeforster” Platz und bestelle mir ein aufgeplatztes Weisswurstfrühstück und ein Stück afri-cola zum Aufwachen. Zärtlich jongliere ich dieses Stück Coffeinbrause - welches ich übrigens nur deshalb “Stück” nenne, weil mich die Form der haptisch ansprechenden Flasche immer wieder an den Torso meiner Ex-Freundin erinnert - in meinen Händen, presse das Mundstück langsam an meine Lippen und schlucke dabei gieriger als ein Wüstenkamel ohne Oase. Ohne abzusetzen, leere ich das dunkle Elixir und ergötze mich an meinem eigenen Aufstossen, das laut genug ist, um sogar die Wolkendecke aufzureissen und die ersten Sonnenstrahlen des Tages freizugeben. Die bewundernden Blicke einer neben mir mit Afro-Frisur gesegneten Stewardessen-Schönheit erntend, bestelle ich zwei weitere Flaschen schwarzen Saft, setze mich zu ihr und frage mit noch feuchtem Rachen, aber staubtrocken >Schon mal mit nem Afri-Kaner angestossen?< Sie lächelt, ich lächle, touchierende Flaschen, dann ein leise gehauchtes >Prost<…und der Rest ist Geschichte! Um genau zu sein 48 Stunden Afri-Germanische Freundschaft.

Es ist Freitag, das Wochenende steht ebenso vor der Tür, wie der Abschied von meiner bezaubernden Flugbegleiterin, Sie geht in die Luft und ich zurück in die Nacht…Scheiden tut weh!

Den Anfang meiner Weekendsafari mache ich im trashigen “Kaffe King” wo ich mich erstmal auf die kleinen feinen und ausschließlich veganen Köstlichkeiten stürze. Das einzige Fleisch was ich in dem begehrten Veganertreff bekomme, ist Gemüse. Die schlauchförmige, meist überfüllte und anscheinend auf mutige Singles zugeschnittene Bar, zwingt sogar unter Berührungsangst Leidende auf Tuchfühlungskurs. Hier, in dieser atmosphärischen Dichte, klebt jeder an jedem, Körperkontakt ist somit unvermeidlich und das Ende immer offen. Ich quetsche und drängle mich an die Bar, passiere schwitzende Leiber und spritzenden Mundgeruch, werde in den Hintern gekniffen und mit Ellbogen bearbeitet…aber ich schaffe es. 20 min. später stehe ich an der Bar, erblicke das afri Schild und weiß…jetzt kann mir nichts mehr passieren. Die erste Flasche inhaliere ich in Begleitung von elektronischer Minimalmusik werbewirksam auf Ex, die zweite heb ich mir als Belohnung für den Rückweg zur Raucherterrasse auf. Abgesehen von so Internetforen wie Chatt-Foren sind Raucherterrassen so ziemlich das kommunikativste Kontaktgehege ever. So ungezwungene Dialoge wie

>Hast du mal Feuer?< >Ja natürlich, aber nur wenn du mir deinen Namen verrätst<, brechen schnell das Eis und sind häufig auch ziemlich unterhaltsam.

Später dann, auf der Terrasse des neuen In-Clubs “Baby” streckt so ein älterer, kleinkarierter Kleinkarohemdenträger einem jungen Ding mit der Frage >Magst eine?< seine Zigarettenschachtel ins Gesicht, worauf sich die Teenagerschönheit völlig interessenlos

abwendet. In seinem Ego getroffen, startet der aufdringliche Charmeur mit dem bauchigen Leib seinen zweiten Angriff und frägt >Stört es dich denn wenn ich eine Rauche?< Da dreht sich die Kleine zu ihm um, lächelt ihn an, zwirbelt neckisch ihr Haar und entgegnet trockener als ein Martini >Hör mal zu Dickerchen, mich würd’s nicht mal stören wenn du brennst!<

Nach diesem verbalen Angriff gegen die Bierbauchkultur sehe ich an mir herunter und bemerke erleichtert, dass ich mit aufgerichtetem Körper zumindest im Stande bin meine Füße zu erkennen. Teeniekompatibel stürze ich mich in die Innereien des Clubs und lasse mich im Fluss vornehmlich aufgebrezelter Mitzwanziger Richtung Tanzfläche schwemmen. Während sich die elekrostatisch geladenen Beats den Weg zu meiner immer schneller pumpenden Herzkammer graben, scheinen alle anderen Lautstärkeimmun. Just in dem Moment als mein Trommelfell um Gnade betteln will, tippt mir Uschi Glas Sohn Ben Teewag auf die Schulter und versucht ein Gespräch. Es herrschen gute 180 Dezibel und die einzige Chance wenigstens einen Wortfetzen aufzuschnappen, ist ihm von den Lippen abzulesen. Leider redet er schneller als meine Augen folgen können und dementsprechend einseitig ist auch die Konferenz. Erst als ich nicht einmal mehr mit dem Kopf nicke, und ihm ein >nix versteeeeehen< ins Gesicht schreie begreift er die Ausichtslosigkeit seines Unterfangens. Leider, denn schlagartig presst er seine mit Wodka benetzten Lippen an mein Ohr und spuckt mir die letzten 10 min. Monolog noch einmal als Redefluss in die Gehörgänge.

Mit triefender Gesichtshälfte und zutiefst beleidigt verabschiede ich mich von dem Promi-Lama und begebe mich direkt in die immer zum Zerbersten gefüllte “089 Bar” um die Ecke, bestelle mir eine eisgekühlte afri-cola und wasche mir damit erstmal das Ohr aus. Neben-, über- und aufeinander stapeln sich hier die Gäste und grölen unter den enormen Begleiterscheinungen gut eingeschenkter Drinks so ziemlichen jeden Song der letzten 50 Jahre Popgeschichte mit. Ich selbst erwische mich sogar dabei, wie ich mitten im Frühling zu Last Chrismas von Wham mitwippe und mir dabei immer wieder per Solo-Foxtrott auf die Füße steige. Die Musik ist unter-, die Stimmung dagegen überirdisch, was mir letztlich beweist, dass Media Markt und H&M mit ihren Konzepten absolut richtig liegen. Obwohl ich um 5 Uhr morgens völlig nassgeschwitzt und heiser ans Tageslicht gespült werde, mir aber wegen zu wenig Alkohol in zu viel afri-cola kein Promilleweibchen angelacht habe, sehnt es mich dennoch nach Körperkontakt. Zu Hause angekommen streife ich mir noch im Gehen meine Klamotten vom Leib, öffne den Kühlschrank, hole meine letzte afri-cola hervor und falle mitsamt der Flasche ins Bett. Ich bin nackt, mein Körper fiebert, doch die Flasche, deren Form mich immer noch an meine Ex erinnert bleibt cool. Langsam, gaanz langsam, gleite ich mit meinen Fingern an ihrer Kontur entlang, streichle sie, liebkose sie, kühle mit ihr meinen erhitzten Körper und letztlich leere ich sie, denn sie ist mein.

Ich seufze, meine Augenlider werden schwer…dann überrascht mich der Schlaf.

Dienstag, 22. Juli 2008

Damir Fister ist Ex-Türsteher des P1 in München. Und kennt die Szene wie kein Zweiter.
Seine Erlebnisse vor und hinter der Türe des bekanntesten Members Only-Club Münchens, seine Abenteuer mit den Großen und Kleinen der Szene und seine Einblicke in die Tiefen der menschlichen Seele haben seinen Blick geschärft, für das Wesentliche der Stadt: Die Szene.

Mit delierendem Sprach-Eigensinn beschreibt der gebürtige Kroate, welche Blüten der nächtliche Wahnsinn in den angesagten Lokalen der Weißwurstmetropole treibt. Und webt einen grell bunten Flickenteppich des Nachtlebens, der das ganze Panoptikum menschlicher Existenzen aufzeigt.

Dienstag, 22. Juli 2008

Reserviert rechtzeitig…steht auf dem Flyer vom Notix. Der Zettel lädt ein: jeden Sonntag zum Sushi-Buffet für 13,50 Euro. Das Notix ist eine schmucke, angenehme Cocktailbar in der Sredzkistraße und das besonders total dringlich Spezielle am Notix sind seine japanischen Spezialitäten. Frische Fisch- und Meeresleckerein aus Nippon. Also, so was von delikat. Und afri bekommt man hier auch. Deshalb: reserviert rechtzeitig…

Was bleibt mir angesichts – oder besser angeschmacks – solcher Köstlichkeiten übrig? Ich bin doch nur ein Blogger. Ich könnte jetzt noch mehr der Worte verlieren, um all die Gaumenfreuden im Notix zu beschreiben. Ich hoffe aber, Ihr seid einverstanden, dass ich’s nicht tue.

Habe mich stattdessen dafür entschieden, der guten Notix-Küche eine literarische Ehre zu erweisen, indem ich hier ein von mir verfasstes Haiku zum Besten gebe. Einverstanden? Ein Haiku ist ein klassisches japanisches Gedicht und besteht aus einem einzigen Vers. Also eine kurze Sache: dieser eine Vers besteht aus drei Wortgruppen, wobei die erste Gruppe aus fünf Silben besteht, die zweite Gruppe aus sieben und die dritte Gruppe wieder aus fünf Silben. Eine kompakte, griffige Angelegenheit.

Berliner sehen
Berlin mit andren Augen
Einen Augenblick

…ja, lasst es mal ruhig auf Euch wirken. Bin für Kritik und literarische Besprechungen selbstverständlich zu haben. Wie immer: Unten im Kommentarfeld ist Platz genug für Lobpreis oder Meckereien. Da darf jeder und niemand muss rechtzeitig reservieren… Vielleicht schafft jemand auch ein afri-Haiku?

(Walter Vult) – Notix Cocktail Bar –Sredzkistraße 27 – 10435 Berlin-Prenzlauer Berg – www.notix-bar.de

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